+++ Leseproben +++

 
Zwei schöne Fensterplätze in den Krieg
Die Geschichte eines Bonner Paares
von Ellen Klandt
 
Der Anfang


Da ist Neid.
Wenn ich als Widmung lese: „Meinem wunderbaren Vater…“
Mein Vater war kein wunderbarer Vater. Er war in vielerlei Hinsicht nicht einmal ein wunderbarer Mensch – soweit ich das wissen kann. Wie toll muss es sein, einen wunderbaren Vater zu haben, eine wunderbare Mutter. Was wäre aus mir und meiner Schwester geworden, wenn wir wunderbare Eltern gehabt hätten?
Was stelle ich mir unter einem wunderbaren Vater vor? Jemanden, der mich gehalten hätte, der mich verstanden hätte oder nur: der bemüht gewesen wäre, mich zu verstehen, meine Motive, meine Wünsche, meine Ängste. Der mich nicht gegängelt, gestraft, geschlagen hätte, zum Lügen erzogen. Der nicht immer alles besser gewusst hätte.
Was stelle ich mir unter einer wunderbaren Mutter vor? Eine Frau, die mit mir gelacht hätte, nicht über mich, die ihre Liebe zu mir empfunden hätte, nicht zu mir als ihrem Bild. Die die Stürme der Pubertät begleitet hätte, statt zu versuchen einzudämmen, was nicht einzudämmen war, durch kein Verbot.

Das alles und anderes konnten meine Eltern nicht. Sie lebten als junge Leute im Krieg, waren im Krieg. Das Davongekommensein gab die Kraft, irgendwie die Träume vom kleinen Glück zu leben, sich daran festzuklammern, die Kinder da hinein zu zwingen, sie passend zu machen, sie zuzurichten, in eine Familie, die als unheilige Allianz zweier gegensätzlicher Charaktere begann. Hier der sportliche, ungestüme, aus Soldatentum und Kriegsgefangenschaft entlassene Heißsporn, der als Ehemann dennoch das Leben des Junggesellen endlich haben wollte, da die zielstrebige, sing- und wanderlustige junge Frau, die mit ihrer ambivalenten Mutterbeziehung zu kämpfen hatte, ohne dass es ihr bewusst war, und deren höchstes Glück die Gründung der eigenen Familie verhieß.
Wie ist es dazu gekommen?
Meine Eltern hinterließen hunderte von Briefen, die sie sich in den Kriegsjahren 1943 bis 1945 geschrieben haben. 

Dass es „Feldpostbriefe“ meines Vaters gab, war mir lange bekannt. Meine Mutter sagte immer, sie habe der Werbung meines Vaters nur deshalb nachgegeben, weil er so schöne Briefe geschrieben habe. Und das stimmt, wie ich heute weiß: die Briefe sind schön. Mit schöner Handschrift geschrieben, voller Verehrung für die ferne Geliebte, voller Liebesverlangen.
Auf meine Bitte, die ich als Jugendliche und auch später, als Erwachsene äußerte, diese Briefe sehen zu dürfen, ging keiner ein. Was für eine spannende Geschichte es gewesen wäre! Die Liebesbriefe des Vaters sehen zu dürfen! Dachte ich. Ein Tor hätte sich öffnen können in eine weite, unbekannte Welt. Dass es auch Briefe meiner Mutter gab und ein Kriegstagebuch meines Vaters, wusste ich nicht. So habe ich diese Papiere bis zum Tode meiner Mutter, die meinen Vater um 19 Jahre überlebte, nie ansehen können und hatte Sorge, dass sie am Ende nicht mehr da sein würden.
Nach dem Tod meiner Mutter im Mai 2015 fand sich ein knappes, handgeschriebenes Testament, kurz nach dem Tod meines Vaters verfasst: Sie hinterlasse „alles“ ihren Töchtern. 
Franz‘ Kriegstagebuch, Briefe, Karten und Fotos lagerten in Kartons auf dem Boden des Kleiderschrankes hinter lange nicht mehr genutzten Dingen, wie vergessen.
Sie wusste, wir würden diesen Schatz finden nach ihrem Tod. Sie hatte ihr ganzes Leben Zeit gehabt, diesen Schatz zu vernichten, wenn sie es denn gewollt hätte.
Die Briefe waren für mich die wichtigste Hinterlassenschaft, erhoffte ich mir doch Aufschluss über die Haltung meines Vaters zum Nationalsozialismus. Dass meine Mutter keine Anhängerin des Regimes war, wusste ich. Sie war nicht in den Bund deutscher Mädel, BdM, die Jugendorganisation der nationalsozialistischen Partei für Mädchen, eingetreten – mit dem Argument, sie müsse ihren Eltern im Geschäft helfen – und sprach stets voll Verachtung über die Propaganda, die dort verbreitet wurde. Sie sprach voll Verachtung von Hitler und seinem Geschrei.
Mein Vater war ab 1942 vor St. Petersburg, damals Leningrad, stationiert gewesen. Er hat über diese Zeit nie mit Ernst gesprochen, eher so obenhin, scherzhaft. Das Kartoffelschälen habe er gelernt, sehr dünn die Schalen, damit nichts vergeudet würde, er, der so klein war, kein soldatisches Maß hatte, auch nicht wie ein Arier aussah, eher wie ein Italiener, klein und schwarzhaarig eben, der Teint dunkel, sei immer zum Küchendienst kommandiert worden. Oder auf einem Patrouillengang habe ein Offizier ihm, dem Gefreiten, das Gewehr in die Hand gedrückt: „Schieß du, ich springe!“ und sei in den Graben gesprungen. Solche Geschichten. Im Tagebuch und in den Briefen liest sich das anders. Sehr anders. Das Rauchen habe er sich im Krieg angewöhnt.

Zu meiner großen Überraschung fanden sich nicht nur weit über 100 Briefe meines Vaters, sondern ebenso viele meiner Mutter und ein kurzes Kriegstagebuch meines Vaters aus der Zeit vor dem Briefwechsel. Erstaunlich ist, dass die Briefe meiner Mutter auch existieren, ich nehme an, dass er sie, ebenso wie sein Kriegstagebuch, auf Heimaturlaub mit nach Hause nahm oder sie nach Hause schickte. Seine Briefe sind – bis auf die der allerletzten Kriegstage – vollständig vorhanden, von ihren fehlen etliche. Sie sind bei einer hastigen Flucht nach einem von den Vorgesetzten befohlenen Brand, um Akten zu vernichten, in einer Stellung vor Leningrad versehentlich mit verbrannt.
Ich weiß nicht, warum meine Mutter die Briefe aufgehoben hat – oder vielleicht weiß ich es doch, weil sie nämlich grundsätzlich nichts wegwerfen konnte. Irrational ihr Festhalten an einem angeschlagenen Milchkännchen, in dem sie meinem Vater seinen Kaffee, mit Zucker und Milch, zuzubereiten pflegte.
Wie kostbar muss meinen Eltern dieser Schatz gewesen sein und wie unfähig waren sie, ihn mit uns zu teilen. Ich bedauere das sehr, denn viele Fragen, die sich mit der Lektüre ergeben, müssen so unbeantwortet bleiben. Ich hatte viele Erwartungen an diese Briefe, die Hoffnung, Antworten zu bekommen. Das Wichtigste nach der Lektüre: Meine Eltern waren keine Nazis. Sie waren konservativ, meine Mutter gläubig; sie waren Kinder ihrer Zeit. Und ich bekomme Antworten auf Fragen, die ich niemals gestellt habe.

Aber ich verstehe auch: Liebesbriefe sind etwas sehr Intimes. Das möchte man nicht mit den Kindern teilen. 

Als das Kriegstagebuch beginnt, ist mein Vater 20 Jahre alt. Als der Krieg vorüber ist, 24. Meine Mutter ist während des Briefwechsels gerade 18 geworden, zu Kriegsende ist sie fast 20; sehr junge Leute, die sich lange, lange Liebesbriefe schrieben.

Erstaunt hat mich ihrer beider Offenheit, was persönliche Dinge angeht. Als Eltern habe ich sie verschlossen erlebt; über Persönliches wurde nicht gesprochen. Erstaunt hat mich ihre gute Rechtschreibung und ihre Beredtheit, schließlich kamen beide aus kleinen Verhältnissen. Erstaunt und gefreut hat mich das fröhliche Selbstbewusstsein meiner Mutter. 
Sie haben beide eine schöne, gut leserliche Handschrift, zum Glück schrieben sie lateinische Schreibschrift, kein Sütterlin. (...)

Ellen Klandt: Zwei schöne Fensterplätze in den Krieg - Die Geschichte eines Bonner Paares
175 S., Hardcover, 15,80 €, August 2017, ISBN 978-3-929386-75-2

Das Buch portofrei bestellen


 

Durch die Jahre


Roman von Herbert Pelzer
 

1. Kapitel


Hinter ihm wurde das schwere eisenbeschlagene Tor geräuschvoll verschlossen. Er stand auf dem Trottoir, atmete tief die Luft ein, schaute auf das nasse Pflaster des Adalbertsteinwegs und fühlte sich, obwohl es kühl war und regnete, so gut wie lange nicht mehr.

»Tschöh, wah«, hatte der Pförtner beim Öffnen des Tores gesagt.  »Ich sach hier nie auf Wiedersehen.« Und bei jedem Wort hatte sich sein riesiger Schnurrbart bewegt. Josef hatte nur genickt und war mit raschen Schritten davongegangen. In der linken Hand hielt er den kleinen alten Koffer, den ihm seine Schwester geliehen hatte, als er vor einem Jahr in das Gefängnis gebracht wurde, mit der rechten schlug er den Kragen seiner Jacke hoch und ging nach rechts, weil er meinte, dass er in dieser Richtung zum Bahnhof gelangen würde. Rechts neben sich den Bruchsteinsockel des massiven Justizgebäudes, der ihm fast bis zur Schulter reichte, über sich noch die spitzen Ecktürme des Turmhauses beschleunigte er seinen Schritt, um möglichst rasch von hier wegzukommen. 

Die Zeit im Gefängnis war furchtbar gewesen, viel schlimmer als er befürchtet hatte. Oft war er verzweifelt gewesen. Wenn ihm das Dasein als Häftling unerträglich schien, wenn die Enge und der Gestank, die Brutalität der Wärter und der Mithäftlinge ihn zu brechen drohten, wollte er sich manches Mal schon aufgeben. Doch er war stark geblieben, hatte sich aus allem herausgehalten, alles ertragen. Durchzuhalten hatte er 1915 in der Champagne gelernt. Dort, im ersten Kriegsjahr, war es noch schlimmer gewesen. Aber er hatte es geschafft. Da sollten sie ihn hier doch wohl nicht in die Knie zwingen.

Auf seinem Weg zum Bahnhof sah er sich neugierig nach allen Seiten um, betrachtete im Vorübergehen die Auslagen in den Schaufenstern, nahm die Menschen, die Droschken und die Automobile auf den Straßen wahr. Alles erschien ihm bunt und friedlich, und er verspürte, wie seine Zuversicht zurückkehrte. Das Leben erschien ihm auf einmal ganz und gar freundlich, geradezu herrlich leicht.

Mit aufrechtem Gang betrat er die Bahnhofshalle und stellte sich am nächstbesten Fahrkartenschalter in die Reihe der Wartenden. Der diensttuende Schalterbeamte saß hinter einer mit Jugendstilornamenten verzierten Glasscheibe an einem mit dunklem Eichenholz umbauten Tresen und bediente gelangweilt die Kundschaft. Als Josef an der Reihe war, kaufte er ein Billett und fragte nach dem nächsten Zug. »Gleis 1, um elf Uhr dreizehn.« Ohne ihn anzusehen, leierte der Mann die Antwort hinunter, während er das Kleingeld in die Wechselgeldkasse sortierte, um sich gleich darauf dem nächsten Kunden zuzuwenden. Josef nahm seinen Koffer auf und schlenderte durch die Halle. Er hatte noch genügend Zeit und kaufte bei einer fliegenden Händlerin einen Butterwecken. Oben auf dem Bahnsteig setzte er sich auf eine Bank, holte den Wecken aus der Papiertüte und biss hinein. Genüsslich kauend sah er sich um. Hier herrschte ein reges Treiben, Leute kamen und gingen, manche schienen auf jemanden zu warten, andere begleiteten ihre Angehörigen, um sie zu verabschieden. Josef erfreute sich an all diesen Alltäglichkeiten.

Als sein Zug mit quietschenden Bremsen in den Bahnhof fauchte, stand er auf, ging zur Bahnsteigkante und stellte sich mit den anderen Reisenden vor der nächsten Waggontüre an. Der Zug war voll. Viele Passagiere beendeten hier ihre Reise. Umständlich bugsierten sie ihr Gepäck aus dem Zug, stiegen die steilen Stufen vom Waggon auf den Bahnsteig hinab, schoben und drängelten und gaben allmählich den Weg für die Wartenden frei. Vor ihm mühte sich eine hochgewachsene, elegant gekleidete Frau ihr offensichtlich schweres Gepäck auf die Plattform zu hieven. »Kein Gepäckträger weit und breit, alles muss man alleine machen, das wird doch immer schlimmer hier«, zeterte sie und riss an ihrem schweren Reisegepäck. Josef drängte sich neben sie, nahm das Gepäck und stieg damit mühelos die Stufen hinauf. Vor dem nächsten freien Platz im Waggon stellte er es ab, drehte sich zu der Frau um, lupfte seine Kappe und wollte schon weitergehen, als sie auf ihn zustürmte und sogleich mit ihrer Schimpftirade fortfuhr: »Das wäre ja noch schöner, wenn ich mich noch nicht einmal bei Ihnen bedanken würde, wo man doch tatsächlich noch einmal einen Kavalier getroffen hat. Es ist eine Schande, wie man als Frau heutzutage behandelt wird. Junger Mann, bleiben Sie nur hier, ich möchte Ihnen etwas geben, ich muss nur eben mein Gepäck verstauen, nehmen Sie am besten hier neben mir Platz. Ich bin gleich soweit. Mein Gott, das ist aber auch eng hier. Ja, so bleiben Sie doch hier! Hat denn niemand mehr Zeit heutzutage?« Josef war weitergegangen und hatte am anderen Ende des Waggons sogar noch einen Fensterplatz gefunden. Rasch hatte er seinen Koffer in das Gepäcknetz gelegt und war in dem Sitz versunken, froh darüber, der geschwätzigen Mitreisenden entkommen zu sein. 

Im Waggon kehrte allmählich Ruhe ein. Ihm gegenüber saß ein älterer Herr, der bereits schläfrig wirkte und dem Anschein nach schon bald in einen leichten Schlaf versinken würde. Josef rückte seine Sitzposition auf der harten Bank zurecht, fand eine angenehme Haltung und wartete entspannt darauf, dass der Zug sich in Bewegung setzte. In Gedanken kehrte er noch einmal zum heutigen Morgen zurück. Wie sehr hatte er diesen Tag herbeigesehnt, zum letzten Mal hatte er den Weckruf der Wärter gehört, den widerlich schmeckenden Kaffee trinken und das altbackene Brot essen müssen. Nun war es vorbei, und er konnte sich wieder frei bewegen. Er hatte seine Strafe abgesessen. Sie waren quitt, er und der Staat, er hatte für seinen Fehler bezahlt und wollte das alles von nun an hinter sich lassen.

Bis es soweit gekommen war, dass er die Wechselbetrügereien begangen hatte, war es ihm wahrlich gut ergangen. Seine Eltern waren wohlhabende Leute gewesen. Anerkannt und wohl angesehen lebten sie in dem kleinen Dorf am Rand der Eifel. Ludwig Treu, sein Vater, hatte eine Metzgerei betrieben und handelte mit Vieh. Das war für eine lange Zeit ein einträgliches Geschäft, und es war geplant, dass er, Josef, als einziger Sohn den Betrieb fortführen sollte. Seine drei jüngeren Schwestern waren allesamt hübsch, sie besaßen die Anmut der Mutter, sie waren intelligent, und die Verehrer umschwärmten das Haus, sobald die Mädchen im heiratsfähigen Alter waren. Vor vier Jahren war dann der Vater verstorben und ein Jahr später bereits die Mutter. Nun war er das Familienoberhaupt, musste den elterlichen Betrieb führen und war doch längst nicht darauf vorbereitet. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 32 Jahre alt war, hatte er sich vornehmlich mit den angenehmen Seiten des Lebens beschäftigt. Zwar hatte er als Soldat im Krieg gekämpft, doch das hatte ihn nicht verändert. Er war zeitlebens ein Draufgänger gewesen, und einige seiner Freunde beneideten ihn heimlich, weil er in ihren Augen ein echter Hansdampf war.

Der Zug hatte sich in der Zwischenzeit in Bewegung gesetzt, hatte die Stadt verlassen, und in der Ferne tauchten bereits die ersten Ausläufer der Nordeifel auf. Der alte Mann gegenüber war eingeschlafen, mit offenem Mund atmete er ruhig und gleichmäßig.

Anfangs hatte es eine Zeit lang so ausgesehen, als ob er das Viehhandelsgeschäft erfolgreich betreiben könnte. Josef war mit Enthusiasmus an seine Aufgabe herangegangen und hatte den Bauern vertraut, war immer fair geblieben, weshalb er sich rasch allgemeiner Beliebtheit erfreute. Die Metzgerei hatte sein Schwager übernommen, sodass die Geschäftsfelder des Vaters weitergeführt werden konnten. Doch dann geriet Josef in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Viel zu oft blieben die Bauern das Geld für das Vieh, das er ihnen verkauft hatte, schuldig, und schon bald war eine derart hohe Summe an Ausständen angewachsen, dass ihm das Geld knapp wurde. Zusätzlich zeigte sich seine mangelnde Erfahrung bei der Bewertung der Tiere, die er ankaufte. Er erkannte häufig nicht, wenn ein Tier krank war, oder er erzielte nicht den erhofften Preis bei der Wiederveräußerung, weil er minderwertige Tiere zu hoch taxiert hatte.

Bald schon drückten ihn Schulden bei den Banken, die er mit kleineren Betrügereien zu begleichen versuchte. Dann fälschte er den ersten Wechsel. Über die Simplizität des Vorgangs war er zu gleichen Anteilen überrascht und erfreut, wiederholte den Betrug, einmal, zweimal, hatte bald den Überblick verloren und erkannte spät, dass man ihm auf die Schliche gekommen war. Im letzten Moment war er über die nahe Grenze nach Belgien geflohen. Doch wie sollte es weitergehen? Einige Tage hatte er sich mit finsteren Plänen für eine Zukunft in der Illegalität gequält. Dann hatte er einen Entschluss gefasst, war nach Aachen gefahren, um sich dort der Polizei zu stellen, die ihn verhaftete und dem Untersuchungsrichter vorführte. Im folgenden Prozess hatte das Urteil ein Jahr Gefängnis wegen fortgesetzten Betrugs in Tateinheit mit schwerer Urkundenfälschung gelautet.

»Wo sind wir?« Der alte Mann gegenüber war aufgeschreckt und starrte aus dem Fenster. Entspannt lehnte er sich wieder zurück, als er erkannt hatte, dass der Zug gerade den Stadtrand von Düren erreicht hatte. Offensichtlich war sein Reiseziel noch nicht erreicht. Josef stand auf, nahm den Koffer aus dem Gepäcknetz, zog sein Jackett zurecht und setzte sich wieder hin. Der gedankliche Rückblick hatte ihn innerlich aufgewühlt. Plötzlich lastete die Frage nach seiner Zukunft schwer und drängend auf ihm. In diesem Moment wurde ihm klar, dass die Weichen neu gestellt werden mussten. Er musste einen Plan entwerfen, und das so schnell wie möglich.

Der Bahnhof in Düren lag nördlich der Innenstadt an der vielbefahren Gleisverbindung zwischen Aachen und Köln. Es war ein trutziges Gebäude im typischen Baustil der Gründerjahre des vergangen Jahrhunderts mit einer an die historischen Vorbilder der Renaissance erinnernden prachtvollen, nach Westen ausgerichteten Giebelseite, an der sich der Haupteingang befand. Auf halber Höhe umspannte ein weit ausladendes, von massiven gusseisernen Säulen gestütztes Vordach das gesamte Gebäude. In der Bahnhofshalle waren auch zu dieser Stunde scharenweise Menschen unterwegs. Der Zug hielt an dem überdachten Bahnsteig, und bald darauf verließen die Neuankömmlinge die Waggons, vermischten sich mit den Wartenden, strömten durch die große Halle dem Ausgang zu und waren schon bald nicht mehr auszumachen in dem Getümmel der vielen Reisenden. (...)

Herbert Pelzer: Durch die Jahre
407  Seiten, Hardcover, Preis: 24,80 €,  Juli 2017, ISBN 978-3-929386-72-1

Das Buch portofrei bestellen


 

Mann mit Hut


Skurrile Geschichten von Anja Martin
 

Eine herrliche Woche


Die Woche ist es leid. Sie hat so viele schöne Tage, aber alles dreht sich nur um den Sonntag. Das will ihr nicht einleuchten. Und dann hacken alle auf dem Montag herum. Warum eigentlich? Der ist doch ganz in Ordnung. Viele feiern ihn sogar, allerdings krank – und ziehen sich die Decke über den Kopf.

Ein Rätsel ist ihr auch der Samstag. Da haben viele Menschen frei – aber jede Menge zu tun: Einkaufen, das Auto in die Waschanlage fahren, ins Theater gehen, die Steuer erklären. Und das Ganze für den Sonntag – damit Zeit genug bleibt für das andere Müssen: in die Kirche gehen, mal ein Buch lesen, spazieren gehen. Und: sich erholen. 

Das hat sich die Woche nun lange genug mitangesehen. Und sie ist es, wie gesagt, leid. Morgen, so nimmt sie sich vor, wird alles anders werden. Da wird sie den Montag auf den Freitag, den Mittwoch auf den Samstag und den Tatort auf den Dienstag verlegen. 

Sie lacht, als sie sich die Menschen und all ihre Versuche vorstellt, Sinn und Struktur in den neuen Ablauf zu bringen. Irgendwann wird es ihnen gelingen. Das ist klar. Aber dann würde die Woche ihre Tage erneut durcheinanderwürfeln, wieder und wieder – so lange, bis die Menschen aufgeben. Vielleicht, so hofft die Woche, entdecken sie dann die Freiheit und Schönheit, die jedem ihrer Tage innewohnen. Es wäre immerhin möglich. 

Anja Martin: Mann mit Hut - Skurrile Geschichten
Illustrationen: Barbara Freundlieb, 77 Seiten, Preis: 13,80 €, Juni 2017, ISBN 978-3-929386-74-5

Das Buch portofrei bestellen


 

Tanz der Kirschblüten


herausgegeben von Bartholomäus Figatowski
 
 
Monika Niehaus:

Die schöne Else


Der gut gekleidete junge Mann, Student der Jurisprudenz und den Freuden des Studentenlebens nicht abgeneigt, drückt dem Küster ein paar Groschen in die Hand. Der reicht ihm den Turmschlüssel und verschwindet rasch wieder in der Sakristei. Nach einem kurzen Blick rundum winkt der Student seiner Begleiterin, die in einer Nische hinter dem Beichtstuhl gewartet hat, und steigt mit ihr die schmale Treppe zur Läutekammer hinauf. Die beiden schlüpfen durch die Tür und treten an die Fensterluke. Der Blick über die Stadt an diesem klaren, recht milden Januarabend ist atemberaubend. Vor ihnen liegt das kurfürstliche Schloss, dahinter der Hofgarten, und in der Ferne glitzern die Fluten des träge dahin strömenden Rheins. Das Mädchen strahlt, und die Abendsonne wirft einen bleichen Schein auf sein Gesicht. Lippen, so rot wie Blut, eine Haut so weiß wie Schnee, Haare so schwarz wie Ebenholz, denkt der Student. »Wie schön du bist, meine Freundin!«, flüstert er und zieht sie zu sich heran. Sie lächelt. Die beiden haben keine Eile. Bis zum nächsten Morgen wird sie niemand stören. Und so vergessen sie Raum und Zeit, wie es Liebende tun, bis der Student plötzlich aufhorcht. Vom Kirchplatz dringen aufgeregte Stimmen empor. Er bedeutete seiner Geliebten zu warten. Er werde nachschauen, flüstert er, was es mit dem Tumult auf sich habe, und sei gleich wieder da … 

********

»Bevor ich vor meinen Schöpfer trete, will ich meine irdischen Angelegenheiten ordnen. Ich habe stets versucht, meine Pflichten der Kirche gegenüber getreulich zu erfüllen, doch der Tod eines jungen Mädchens lastet schwer auf meiner Seele … «

Ich sah von dem Brief auf, den der Pfarrer mir zugeschoben hatte.  »Eines deiner Schäfchen?« 

Der Pfarrer bejahte. Er war ein mittelgroßer schlanker Mann mit fein geschnittenen Gesichtszügen und vollem grauem Haar. Seine Soutane war wie immer makellos und saß wie angegossen, während sich mein Knierock ein wenig ausgebeult um meinen Leib spannte. Wir kannten uns schon seit unserer Studienzeit, also fast einem halben Jahrhundert; er hatte sich der Seele, ich mich dem Körper zugewandt. Als Arzt stand ich mit beiden Beinen auf der Erde, einer nicht selten ziemlich schmutzigen Erde, und hegte eine gewisse Skepsis gegenüber dem Transzendenten, was unserer Freundschaft aber keinen Abbruch tat. 

»Der Küster unseres Münsters. Er liegt im Sterben und hat schon die letzte Ölung empfangen. Aber jetzt verlangt er nochmals nach mir. Ich würde mich freuen, wenn du mich begleitest. Als Arzt. Und als Zeuge.« 

»Wenn du meinst, ich kann dir von Nutzen sein, gern«, willigte ich ein. »Weißt du, worum es geht?« 

Der Pfarrer nickte. »Ich denke schon. Es ist lange her, mehr als 30 Jahre, aber der Fall erregte seinerzeit einiges Aufsehen, und der Küster wurde damals als Zeuge vernommen.«

Ich runzelte die Stirn. »Mir dämmert etwas … diese junge Frau … hatte sie nicht einen Blumenstand direkt vor dem Münster?« 

»Genau, und dort wurde sie am 15. Januar anno 1777 zum letzten Mal gesehen«, griff mein Freund den Faden auf. »Ich habe mein Gedächtnis aufgefrischt: Am Abend muss sie das Münster betreten haben, denn nach Aussagen des Küsters lagen wie immer frische Altarblumen vor der Sakristei. Danach blieb Else Pütz trotz intensiver Suche wie vom Erdboden verschwunden.«

»Und da sie nur ein Blumenmädchen war und zudem ohne Verwandtschaft, erlosch das Interesse an ihrem Verschwinden rasch«, fiel ich ein. »Die ›schöne Else‹ sei kein Kind von Traurigkeit gewesen, tuschelten die Marktweiber, und wer weiß, vielleicht hatte sie mit einem fahrenden Händler oder einem Schiffer auf dem Rhein angebändelt und war mit ihm auf und davon? Wenn ich mich recht erinnere, wurde die Suche nach der Verschwundenen bald eingestellt.« 

Der Pfarrer nickte. »Aber dir ist vielleicht aufgefallen…«

»… dass in dem Brief nicht vom ›Verschwinden‹ sondern vom ›Tod‹ eines jungen Mädchens die Rede ist«, vollendete ich seinen Satz. »Das könnte interessant werden.« Ich nahm den letzten Schluck des durchaus anständigen Burgunders und erhob mich mit einiger Mühe aus dem tiefen Sessel. »Wir sollten den Mann nicht warten lassen!« (...)

Bartholomäus Figatowski (Hrsg.): Tanz der Kirschblüten - Phantastische Geschichten aus Bonn
Titelbild: Martin Welzel, 165  Seiten, Preis: 12,80 €, ISBN 978-3-929386-73-8 

Das Buch portofrei bestellen


 

Die geheimnisvolle Welt der Tagebücher unberühmter Menschen


 

Schreibend über die Dinge kommen


An dieser Stelle wird es höchste Zeit, Britta vorzustellen. Britta hat mit Tagebüchern so ziemlich alles schon angestellt, was man sich nur träumen kann. Die knapp 60-Jährige schreibt seit ihrem 13. Lebensjahr. Sie hat ihre Tagebücher versteckt, ihren Liebhabern daraus vorgelesen, sie für ihre Kinder geschrieben und das dann doch wieder verworfen. Sie zerrissen, zusammengeklebt, weggeschmissen und gehütet. Britta: »Ich kenne auf die Frage ›Leben um zu schreiben oder schreiben um zu leben?‹ nur diese Antwort ›Ich würde ohne schreiben nicht leben.‹«

Aber von vorne. Manchmal gehen wir einen Kaffee trinken oder zusammen in die Kirche oder beides. Irgendwann stellte ich ihr die sich tapfer wiederholende Frage, die ich mit zunehmender Hemmungslosigkeit mittlerweile fast jedem stelle. Und zwar so häufig, dass es meinen durchaus geduldigen Ehemann langsam richtig nervt. Drohte er mir jüngst doch tatsächlich mit zeitweiser Trennung, sollte ich es wagen, den hochrangigen Gastgeber eines Geschäftsessens beiseite zu nehmen: Ob er eventuell Tagebuch schreiben würde, beziehungsweise was er davon hielte? Ich fand seine Besorgnis leicht übertrieben und hielt ihm entgegen, ich hätte bisher schließlich noch nicht einmal meinen eigenen Verleger danach gefragt.

Britta jedenfalls antwortet erst gar nicht, sondern kramt in ihrer Tasche. Zum Vorschein kommen Schlüssel, eine kleine Plastiktasche aus der Drogerie, zwei Zettel, dann hat sie es gefunden. Triumphierend hält sie ein kleines handliches Buch, rot eingebunden, hoch. »Hier! Ich schreibe nicht nur im Bett. Ich verlasse das Haus nicht ohne mein Tagebuch.« Das weibliche Pendant zu Eberhard, dem Nachfahren Wilhelm Buschs.

Zwei Tage später gehen wir gemeinsam in die Kirche. Wir sind ein wenig zu früh dran. Britta kramt Ohrstöpsel heraus. Ich frage sie verwundert nach dem Sinn von Ohrstöpseln kurz vor Beginn des Gottesdienstes. Sie hört mich nicht, holt ihr Tagebuch heraus und fängt an zu schreiben. Die kurze Erklärung in meine Richtung: »Ich schreibe meine letzten Eintragungen.« Es sei schließlich kurz vor Weihnachten, und bis Silvester müsse sie fertig sein. Fertig? 

Deutlich genervt von meiner offensichtlichen Unkenntnis zieht sie die Stöpsel raus. »Ich muss meine Tagebücher des Jahres – es sind immer so drei oder vier – bis Silvester gelesen und daraus eine ordentliche Mind-Map erstellt haben, sonst gibt’s keinen Champagner. Letztes Jahr war ich in New York. Da ist das beinahe schief gegangen.« »Mind-Map?«, frage ich hastig, weil der Pfarrer schon seine Kanzel ansteuert. »Das ist jedes Jahr etwas anderes. Mal mache ich eine große Zeichnung, in der ich die Ereignisse des Jahres verarbeite. Mal fasse ich sie unter großen Überschriften noch einmal zusammen.«

Am Nachmittag, beim Tee in ihrer Wohnung, führt sie mir vor, was das denn auf sich hat mit ihren Mind-Maps. Sie zeigt mir die vom vorigen Jahr. Auf zwei zusammen geklebten DIN A4 Blättern sehe ich einen großen, schiefen, blattfüllenden Kreis. Darin sind mehrere kleine Kreise eingeschlossen, die wiederum mit für mich unleserlich beschrifteten Pfeilen untereinander verbunden sind. Auch die kleinen Kreise sind schief und haben Lücken, die Pfeile laufen chaotisch hin und her. Für mich übersetzt Britta ihre konzentrierte Jahresübersicht: »2014 war nicht so toll.« Manchmal, erklärt sie weiter, stelle sie das abgelaufene Jahr auch als Lebenskurve dar. »Die soll aber keiner verstehen außer mir.« Als ob ich von ihren Kreisen irgendetwas verstanden hätte.

Britta dagegen sieht sich da durchaus in prominenter Gesellschaft. »Ich mache es ein wenig wie Goethe. Der schrieb sein Tagebuch sogar komplett in Geheimschrift«, doziert die Gymnasiallehrerin. Das hatte sogar ich aus meinem Deutschunterricht behalten. Ich habe es dann doch vorsichtshalber noch einmal nachgeschlagen. Für wichtige Menschen in seiner Umgebung setzte er in seinen Tagebüchern astronomische Zeichen ein. So verpasste er seinem Brötchengeber Herzog Carl August den Jupiter, seiner langjährigen Charlotte von Stein war natürlich die Sonne vorbehalten. Die Goethe-Forschung ist sich bis heute nicht einig, was der deutscheste aller deutschen Dichter uns damit sagen wollte.

Warum tut man so was ?

Britta versteht nicht, warum ich das alles frage. Jeder, der etwas Fantasie hätte, müsse doch irgendwo hin damit. »Schau dir doch den Goethe an. Der schrieb ständig und öffentlich. Und dennoch hatte er on top ein Tagebuch. Offenbar weil er es brauchte.« Ihr Leben fast täglich zu summieren, das ist für sie so selbstverständlich wie atmen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass und wie andere Menschen ohne ein Tagebuch durchs Leben kommen. Wenn sie ihr Büchlein einmal vergessen hat, dann schreibt sie auch auf Servietten, Fahrscheine oder Bierdeckel. »Aber was fällt dir denn nur immer ein?«, will ich wissen. Britta greift zum Büchlein und liest gestern vor: 

Britta
10. Januar 2016 morgens
»Scheißlaune, zu früh wach, alle rüsten auf. Selbst Banalitäten werden bedrohlich. Ich habe Panik im nächsten Schuljahr noch mehr Arbeit - mir ist es zu viel.«

So käme sie schreibend über die Dinge, die sie bedrücken würden. Erst wenn der Druck raus sei, könne sie ihren Tag beginnen. »Und am Ende des Tages?« »Ich schreibe natürlich auch noch vorm Einschlafen. Mal kurz, mal lang.« Also gestern:

Britta
10. Januar 2016 abends
Der Pfarrer heute – in der Predigt – recht gehabt. Er erzählte von dieser Edeka Reklame, in der der Vater alleine Weihnachten feiert und irre einsam ist. Zum nächsten Jahr schickte er seinen Kindern zu Weihnachten seine Todesanzeige. Erschüttert kommen sie alle und finden statt eines Sarges einen gedeckten Weihnachtstisch, an dem der Vater sie einlädt. Es wird ein rauschendes Fest. Ich muss mehr auf die Menschen zugehen, um meine Angst zu überwinden, zurückgewiesen zu werden. 

Ich bekomme ständig diese Schweißausbrüche. Ist das meine Angst oder Wechseljahre? Vermutlich eine Mischung von beidem. Ich will mich nicht kleinkriegen lassen davon. Und merke immer wieder wie die Angst sich wie ein Spinnennetz in meinen Kopf setzt. Erst krabbelt die Spinne rum in meinen Gedanken – dann lullt sie diese ein. Ich merke, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Fest eingebunden in widerliche Fäden, die auch noch den Dreck drum rum an sich ziehen. Und dann nehmen Schweiß und Angst mir den Atem. Ich will das nicht zulassen.
Dieses Jahr werde ich mutiger.

Ich bleibe ganz ruhig sitzen. Schließlich erzählt mir Britta gerade Dinge, die sie mir ohne Tagebuch nie erzählen würde. Der Gatekeeper – wie es so schön bei Journalisten heißt – ist ihr Tagebuch. Ich sage auch nichts. Britta erwartet keine Antwort. Ich bin plötzlich sehr dankbar. Ich erlebe intensiv, was der Tagebuchliteraturkenner Wieland mir eingangs erklärte: »Durch Tagebücher erfährt man erleichtert, dass es anderen kaum anders ergeht.« Meine spontane Erkenntnis: Ach, so geht das also mit den Wechseljahren.

»Oh, da habe ich auch eine tolle Geschichte«, erinnert sich Louise, als wir über Frauen-Fruchtbarkeit und Wechseljahre reden. Natürlich hat sie dazu eine tolle Geschichte, denn Louise hat sich schließlich in ihren Tagebüchern mit fast allem beschäftigt, was Mädchen und Frauen etwas angeht. Zielsicher schlägt sie in dem Buch mit dem roten chinesischen Einband nach. Da ist die Liebesaffäre mit Reinhard. Gerade 16 ist Louise, als sie das erste Mal mit ihm schläft, und prompt bleibt ihre Periode aus. »Du kannst dir nicht vorstellen, was das für mich bedeutete. Ich war so gut wie nicht aufgeklärt. Und wovon man so genau die Babys bekam, das war mir auch nicht ganz klar.«

Louise
Ende August 1981
Mein Bruder sagt, dass vor dem Orgasmus schon Samen kommen kann - kleine Samenergüsse vor dem großen Ausbruch.
Ich bin fertig. Ich drehe dann durch. Irgendwie glaube ich, dass ich ein Kind bekomme und irgendwie nicht. Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Ein Kind-ICH-NEIN. Ich bilde mir das vielleicht auch ein. Doch wenn ich tatsächlich schwanger bin, kann ich einpacken. Ich habe meinen Eltern einen Brief geschrieben. Sage alles, dann hau ich ab mit Gaby. Nach Holland. Abtreiben. Zu Hause kann ich nicht bleiben. Ich könnte dann nach Amsterdam.

Louises Problem löst sich auch im folgenden Urlaub mit den Eltern nicht auf.

Eine Woche später
An Reinhard denke ich hier kaum. Vorhin dachte ich, Mensch ich will nicht mehr mit Reinhard gehen. Der ist doch so alt. Aber das ändert sich garantiert, wenn ich ihn wiedersehe. Meine Scheiß Periode habe ich immer noch nicht. Hoffentlich bin ich nicht schwanger. Ich habe sie jetzt schon fünf Wochen fünf Tage nicht. Was soll ich nur tun? (...)

Ursula Kosser: Die geheimnisvolle Welt der Tagebücher unberühmter Menschen
140 Seiten, Preis: 12,80 €, ISBN: 978-3-929386-67-7

Inhaltsverzeichnis   - Das Buch portofrei bestellen


 

Die besten Kugel-Schreiber


herausgegeben von Dieter Dresen und Herbert Reichelt


Stefan Pölt

Doppelmord

»Mensch, Ruth, ich hab hier grad gelesen,
Frau Schmidt von nebenan …« – »Der Besen?«
»Genau, die lag seit Wochen tot in …«
»Wen wundert das, bei der Despotin!?«

»Na, jedenfalls in ihrer Wohnung
lag …« – »Jochen, gibt es ’ne Belohnung?«
»Ich glaube nicht …« – »Wär doch berechtigt!«
»Kann sein, auf jeden Fall verdächtigt

man ihren Mann …« – »Den armen Softie!«
»… er hätte sie …« – »Weißt du, wie oft die
ihn schon gereizt hat?« – »Ja, natürlich.
Jetzt hat er …« – »Komm, erzähl ausführlich!«

»… sie wohl erwürgt mit seinen Händen
und dann …« – »Die musste ja so enden!«
»… zerstückelt und verpackt in Kisten …«
»Ich kannte auch mal …« – »Ruth!!« – »Was ist denn?«

»Jetzt rede ich!« – »Schon gut, ich schweige …«
»Inzwischen gab’s ’ne Selbstanzeige.
Herrn Schmidts Motiv …« – »Was war es, Jochen?«
»Sie hat ihn ständig unterbrochen!«
 

Dieter Dresen / Herbert Reichelt (Hrsg.): Die besten Kugel-Schreiber - aus dem Lyrikwettbewerb »Wachtberger Kugel 2017«
Hardcover, Preis: 12.- €, ISBN 978-3-929386-68-4
 

Inhaltsverzeichnis -    Das Buch portofrei bestellen



Wir machen das! - Leben mit Flüchtlingen


von Ellen Klandt + Doro Paß-Weingartz (Hrsg.)
 

Vorwort


Mehr als ein Jahr ist vergangen, seit tausende von Menschen Zuflucht in Deutschland gesucht haben. In den vergangenen Monaten hat die Debatte über den Umgang mit diesen Flüchtlingen in weiten Bereichen die Politik bestimmt. AfD und CSU versuchen, mit ausgrenzenden Parolen Stimmen zu gewinnen. Europa gleicht mittlerweile an vielen Stellen einer Festung. Das dubiose Abkommen mit der Türkei tut sein Übriges, Flüchtlinge von Europa fernzuhalten. Derweil suchen die sich andere Wege, und oft ist die gefährliche Mittelmeerroute die einzige Möglichkeit. Viele verlieren dabei ihr Leben. Doch das  ist nicht mehr im Fokus der Medien. Nur noch wenige Organisationen kümmern sich um die Not der Menschen auf dem Meer.

Aber es gibt sie: die große Bereitschaft, den Geflüchteten zu helfen und sie zu unterstützen. Die rechten Ideologen haben es nicht geschafft, das gastfreundliche Deutschland mundtot zu machen. Aus Angela Merkels Aussage „Wir schaffen das!“ ist längst eine Bewegung geworden, die das tägliche Leben mit den Flüchtlingen mit der Überzeugung lebt „Wir machen das!“.

In diesem Buch haben wir Menschen, die Flüchtlinge unterstützen, zu Wort kommen lassen. Die Art der Unterstützung ist unterschiedlich, und die im Buch gezeigten Beispiele sind ein kleiner Ausschnitt aus den vielfältigen Aktivitäten von Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen. Von der Betreuung und Begleitung der Flüchtlinge in Unterkünften, bis hin zu einem gemeinsamen Leben mit einem jungen Flüchtling. Die Organisation einer Sommerschule für ganz junge Flüchtlinge oder Kunstprojekte, die im gemeinsamen Gestalten auch einen Versuch darstellen, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.

Alle AutorInnen haben auf ein Honorar verzichtet. Stattdessen möchten sie mit einem Euro pro Buch den »Verein Ausbildung« statt Abschiebung in Bonn unterstützen. Dieser Verein setzt sich seit Jahren für die Unterstützung und Stützung vor allem junger unbegleiteter Flüchtlinge ein.

Alle, die hier zu Wort kommen, haben durch ihre Arbeit, durch ihr Engagement, viel gelernt und sind nicht mehr dieselben Menschen wie vor einem Jahr. Trotz aller Schwierigkeiten, trotz kultureller Unterschiede: niemand möchte die Erfahrung missen. Es ist allen AutorInnen ein Anliegen, weitere Menschen zu motivieren, sich für Neuankömmlinge einzusetzen. Sie brauchen unsere Unterstützung, und wir sind in diesem Land reich genug, um sie ihnen geben zu können.
 

Amin, minderjährig, unbegleiteter Flüchtling

Den Beitrag von Doro Paß-Weingartz "Amin" finden Sie mittlerweile im Netz auf  der Seite des Beueler Extra-Dienstes und unter dem Titel "Amin, minderjährig, unbegleiteter Flüchtling" auf einer Seite des Portals feinschwarz.net

Ellen Klandt / Doro Paß-Weingartz (Hrsg.): Wir machen das! - Leben mit Flüchtlingen
ISBN: 978-3-929386-69-1, 112 Seiten, 11,80 €

Inhaltsverzeichnis   -    Das Buch portofrei bestellen


 

Lektüre in der Straßenbahn



Weiß und Schwarz

Die schwere Schwärze dräut von hohem Grund;

lange schon nicht mehr ersehnt, doch von den
Alten immerhin noch karg erinnert;

die Bilder auf den Zungen taugen kaum;
für Junge sind sie nicht mal schönes Wort,
wenn der Begriff sich ihnen nicht erklärt;

was ist Farbe; also kümmern Flammen
blau, bevor sie sterben; Röte wabert
in erkaltend matter Glut, doch wie ist
darin violettes Licht verborgen;

das Knistern, wenn der Zweige Dürre sich
entfacht, wird übertönt vom harten Schlag,
wenn endlich Feuer aus der Rinde gellt,
und zischt zuweilen ein noch feuchter Ast,
er schwängert kalte Luft mit klammem Duft;

selbst welkes Weiß, so alt wie dünnes Licht,
verdient so eben dieses Wort, wenn es
durch hohe Wolken bricht, malt Gräser grün
behaucht das Blatt, in dessen Adern noch
ein letzter Tropfen an der Spitze harrt;

das geschloss’ne Lid durchdringen sanft die
rosa feinen Strahlen, sickert Wärme
durch die Haut, als tanzten hektisch Punkt für
Pünktchen Eintagsfliegen umeinander;

das Jahr kommt in die Flegeljahre, stößt
sich an sich selbst und schafft, als wäre es
das letzte Mal, solang es Zeit noch gibt;

raubt der Nacht jetzt Tag für Tag Minuten,
grad als hätte sie sich schon ergeben;

doch alles wird es wieder von sich werfen.

Rainer Maria Gassen: Lektüre in der Straßenbahn
mit 25 Frottagen von Haden Young, 104 Seiten, Preis: 13,80 €, ISBN 978-3-929386-66-0 

Das Buch bestellen

 
reframing objects

 

 
 
 
 

Bildbespiele aus dem Bildband  von Robert Goepel gibt es hier...
 
 

Robert Goepel: reframing objects 
75 Seiten, Preis: 16,80 €, ISBN: 978-3-929386-64-6 
 
 

Das Buch bestellen

 
 

Neue deutsche Literaturgeschichte


 

Walser gegen Reich-Ranicki – Tod eines Kritikers
 


April 2002, ein Baumarkt in der Nähe von Frankfurt. Ein Kunde schreitet suchend die Regalwände ab, als sein Handy klingelt. Eine SMS. Von Martin Walser! Wie elektrisiert eilt der Kunde zum Büro des Baumarkts und äußert eine ungewöhnliche Bitte. Die Baumarktangestellten sind überrascht, aber der Kunde macht die Sache dringlich, also lässt man ihn an den Computer. Ein paar Tastendrucke später, dann springt der Drucker an, wirft die erste Seite des neuen Buchmanuskriptes aus: »Tod eines Kritikers«

Ein Anruf. Bei Martin Walser. Es ist Siegfried Unseld, sein Freund und Verleger: »Ein Meisterstück!«

Nicht nur als Buch. Auch als Vorabdruck will es Walser bringen. Mitten hinein in das Blatt des Mannes, dem der Anschlag gilt. Mitten hinein in sein publizistisches Herz. In die FAZ. Was für eine Genugtuung wird das sein! Was für ein Gegenschlag! Klar, in der Redaktion werden sie daran zu knabbern haben. Aber hatten sie nicht auch seine letzten sechs Romane als Vorabdruck gebracht?

Der Hass. Gewaltig war er gewachsen in all den Jahren, wie ein Krebsgeschwür, heimtückisch und unaufhaltsam. Wie hatte er gehofft, wie hatte er sich danach gesehnt, auch von ihm, von Reich-Ranicki die verdiente, die endgültige Anerkennung zu bekommen. Und stattdessen? Nur Verrisse! Natürlich hätte es ihm egal sein können, egal sein müssen, bekam er doch Lob und Anerkennung von so vielen anderen Seiten. Was störte da die eine Stimme, die nicht mit einfallen wollte in den kollektiven Lobgesang? Und doch, der Chor blieb schwachbrüstig ohne ihn, ohne die Leitfigur des Kritikerchors, ohne Reich-Ranicki. Wie oft, bei wie vielen Neuerscheinungen, hatte Walser das Fehlen dieser Stimme herausgehört, schmerzhaft herausgehört. Es hätte ihm egal sein müssen, aber es war ihm nicht egal.

Vielleicht hätte er anders empfunden, wenn die Fronten klarer gewesen wären. Von Anfang an. Wenn Reich-Ranicki ihm nie eine Chance gegeben, niemals, wenn er alles, wirklich alles von ihm niedergemacht hätte. Ausnahmslos. Dann hätte er vielleicht mit den Achseln gezuckt, hätte »Was soll’s?« gesagt, ihn mit der Zeit nicht weiter ernst genommen. Doch, und das war das perfide, es hatte durchaus eine Periode gegeben, als Reich-Ranicki ihm wohl gesonnen schien, als er ihm kleine, süße Geschenke gemacht, ihn zu den Hoffnungsträgern einer neuen Literatur gezählt hatte. Wie hatte Reich-Ranicki einst über einen seiner frühen Romane geschrieben? »Vielleicht hat noch nie ein so schlechtes Buch eine so große Begabung bewiesen!« Eine so große Begabung! Was für ein Lob! Und zugleich ein so gnadenloser Verriss. Wie ging es einem da, welche Gefühle loderten da auf? Es war diese seltsame Mischung zwischen Bosheiten und aufblitzenden Komplimenten und Verheißungen, die ihm die Seele zerriss. Mit den hingeworfenen Zuckerstückchen hatte Reich-Ranicki ihn geködert, hatte ihn abhängig gemacht, süchtig nach neuem und immer neuem Lob, nach Bestätigung, nach dem Satz: »Jawohl, jetzt ist es gewiss, wir haben uns in diesem jungen Autor nicht getäuscht. Er ist einer der Großen, der ganz Großen!« Doch dieser Satz war ausgeblieben, blieb ihm schmerzlich vorenthalten. Er sei nicht in der Lage, seinen Figuren echtes Leben einzuhauchen, schüttelte Reich-Ranicki den Kopf, durch Walsers Romane krieche man wie durch eine Wüste, immer durstiger nach einer der seltenen Oasen. Das traf. Oh, wie das traf!

Aber es kam noch schlimmer. Im März 1976 erschien sein Roman »Jenseits der Liebe«. Die fette, alles erschlagende Überschrift über Reich-Ranickis Verriss in der FAZ lautete: »Jenseits der Literatur«. Der endgültige Niedergang einer Hoffnung der Nachkriegsliteratur sei zu beklagen, schrieb Reich-Ranicki. Was von Walser bliebe, seien einzig Sterilität und Geschwätzigkeit. Die Worte würden nicht mehr halten, würden überlaufen. Reich-Ranickis Diagnose: Verbalinkontinenz. Und dann der alles vernichtende Satz: »Wie schlecht muss ein Walser-Manuskript eigentlich sein, damit der Suhrkamp-Verlag es ablehnt?«
Jenseits der Literatur. Reich-Ranicki hatte ihn aussortiert. Aus dem Kreis der Autoren, die in Frage kamen. Wie einen faulen Apfel.

Am gleichen Tag noch, unmittelbar nach der Lektüre dieser Kritik, stürzt Walser in die Verlagsräume von Suhrkamp, wütend, aufs Äußerste gereizt: »Wenn ich ein Messer hätte, ich könnte ihn erstechen!« (...)

Johannes Wilkes: Nichts als Streit und Ärger –  Deutsche Literaturgeschichte in Skandalen und Tragödien
195 Seiten, Preis: 13,90 €, ISBN: 978-3-929386-61-5

Inhaltsverzeichnis -   Das Buch portofrei bestellen


 

Pfleimenbäume


 
 
Der arme Bücherwurm

Ein Bücherwurm war’s endlich leid:
Kein leck’res Futter weit und breit!
Roches’ Feuchtgebiete war’n zu nass,
zu trocken war ihm Günter Grass.

Die neuen Krimis fand er fad,
zur Lyrik fehlte ihm der Draht.
An Suter war er überfressen,
und Hemingway war aufgegessen.

Vampire konnt’ er nicht mehr sehen
und Reinhard Jirgl nicht verstehen.
Was anderes war nicht im Haus.
Er wusste nicht mehr ein und aus.

Ganz ausgehungert war er schon,
verfiel in tiefe Depression.
Ach, wär er doch im Bücherladen,
dort könnte er in Büchern baden

und fände sicher neue Nahrung.
Es wäre eine Offenbarung!
Doch dieses öde Buchregal
war ihm ein echtes Jammertal.

Dann aber kam ihm die Idee:
»Wenn ich zum E-Book-Reader geh,
dann habe ich die freie Wahl,
zu Ende wär die Hungersqual!«

Er war nun voller Euphorie.
Die Auswahl war so groß wie nie.
Er fraß und fraß dort ohne Ende
Harry Potter – alle Bände,

verschlang die E-Books nun zuhauf,
es schien ihm fast wie Bulimie.
Dann aber fiel ihm endlich auf:
Die haben ja Null Kalorie!

Die Fresserei war ohne Sinn,
der arme Wurm dann auch bald hin.
Was lernen wir von der Geschicht?
Das E-Book-Lesen bringt es nicht!

Herbert Reichelt: Pfleimenbäume und andere Gedichte
Umschlaggestaltung: Norbert Bogusch, Hardcover, Preis: 11,80 €, Mai 2016, ISBN: 978-3-929386-62-2

Das Buch portofrei bestellen


 

HeimSuchung


von Christel Spindler
 

1. Kapitel 1913: Josef
 


Da kam er. Wie gestern und vorgestern. Die Karre, die er schob, ratschte über das Kopfsteinpflaster. Die Griffe waren die einer Schubkarre, doch das Gefährt hatte vier Räder. Eine Kiste war auf der vorderen Hälfte angeschraubt. Unten in der Karre lagen in Fächern Werkzeuge, die gegeneinander stießen und metallische Töne in unterschiedlichen Tonlagen hervorbrachten. Den Deckel der Kiste nahm er, hatte er seinen angestrebten Platz erreicht, herunter und legte ihn auf den hinteren Teil der Karre, über die Werkzeuge. Kam nun die Kundschaft, griff er in den verbliebenen Spalt zwischen Kiste und Deckel, der nun seine Arbeitsplatte war, und holte das passende Werkzeug heraus. 

Sie hatte den Eindruck, dass seine besondere Vorliebe die Scheren waren. Er musterte sie, fuhr mit dem Daumen über die Schneidefläche, hielt sie wie einen Stab nahe an die Augen, um das Verhältnis der Flächen zueinander zu bestimmen. Sie errötete, als ob er sie und nicht die Schere mit den braun gebrannten feingliedrigen Händen berühren würde.

Wie in den vergangenen Tagen kamen aus den Häusern der Straße hauptsächlich Hausfrauen mit den Dingen in den Händen, die zu reparieren waren. Messergriffe, die locker waren, Töpfe, an denen sich die Henkel gelöst hatten, Scheren jeglicher Form, sogar mit Schmuck kamen einige. Mit geschickten Handgriffen richtete er die Gegenstände, kam manchmal ins Gespräch, unterbrach seine Arbeit jedoch nicht. Er nannte immer einen angemessenen Preis, man sah  keinen, der protestierte, aber auch niemanden, der sich wegdrehte und triumphierte. Der Knecht von Bauer Moll kam mit einer Sichel und fachsimpelte mit ihm, bis sie gemeinsam eine Lösung für den wackelnden Griff gefunden hatten. Dafür nahm er kein Geld. Sie hörte ihn sagen, dass er doch von ihm, dem Knecht, noch etwas gelernt hätte.

Anna konnte von ihrem Küchenfenster beobachten, wie die Warteschlange kürzer wurde. Er bediente die letzte Kundin, ausgerechnet Bertha, die heute Morgen beim Bäcker von ihm geschwärmt hatte. Aber nun musste sie los. Die alte Schere, die sie eigentlich nicht mehr benutzte und auch nicht brauchte, hielt sie die ganze Zeit umklammert. Das Metall hatte sich erwärmt. Genau als Bertha sich zehn Schritte entfernt hatte, trat sie aus der Tür und ging ihre zehn Schritte auf ihn zu. 

Er war ein schöner Mann. Klein, jedoch passte die sportlich schlanke Figur zur Größe. Das pechschwarze Haar war – wie man im Dorf sagte – »auf Fasson« geschnitten. Die Gesichtszüge waren fein, die hohen Backenknochen unterstrichen das. Braune, fast schwarze Augen unter wie gemalt wirkenden Brauen. Die Haut schimmerte bronzen. Doch das Schönste war der markant geschnittene Mund, der von einem sehr gepflegten kurzen Oberlippenbart betont wurde. Der Gesichtsausdruck war ernst, manchmal mürrisch. Überraschend, wenn er lachte: Die schneeweißen gleichmäßigen Zähne, die überhaupt nicht hierhin passten.

Christel Spindler: HeimSuchung
163 Seiten, Hardcover, Preis: 14,80 €, ISBN: 978-3-929386-59-2
 

Das Buch portofrei bestellen





Träume, fast umsonst


herausgegeben von von Barbara Ter-Nedden

 
Michael Wenzel:
 

Träume, fast umsonst


Wohin du flüchtest, hat nichts zu heißen. Nach der letzten Biegung nimmt jeder sein Ende. Unter der Haut fressen Schmerz und Schmach. Ein halber Traum ist besser, als für alles zu bezahlen. Wer dort ankommt, darf unter die Räder kommen, hat nicht den Hauch einer Chance, wird seinen Lohn schon empfangen, endgültig. 
Dorthin wird keine Seele gehen, höchstens du. 
 

Schorsch war gerade sechzehn, als er von Zuhause abhaute. Sechzehn war er, aufgeschossen, mit großen Händen und langen Armen, wie ein Gibbon. Bevor er die Türe hinter sich zuknallte, plättete er dem, der ihn sich mal wieder zurechtbiegen wollte, die Nase, trat ihm in den Bauch, als er am Boden dahinkroch.

Und dann flammte dieses Bild wieder in seinem Schädel auf: grellrot und orange. In den Farben des Abgrundes und in denen, die aus der Angst stammen. Schreie im Kopf, meine Haut ist giftig, am Himmel steht geschrieben, dass stirbt, wer mich berührt. 

Brüllend keilte er auf den unten ein, kickte ihm in die Rippen und zwischen die Beine, bis die Mutter aufgelöst und wie irre an ihm hing, ihn wegzerrte. Heißes Salz in den Augen. Er sah ihr wirres Haar und im Gesicht den rot verschmierten Mund, offen und wie immer hilflos Bitten stammelnd; und über sie hinweg sah er, wie dieser da, der sein Vater war, sich in einer Bierlache krümmte. Wurm, von dem ich bin. Er drehte sich weg. Fleisch verbiegt sich, die Wunden sind nie ausgebrannt. Wer salbt mich mit Öl? Die Augen blutig vom unsichtbaren Weinen.

Als er später aus seinem Zimmer stürzte, die Sporttasche mit Klamotten und einigen Habseligkeiten über der Schulter, hörte er hinter der Tür ihr Flehen und gleich darauf das Klatschen einer Hand auf nacktem Fleisch. 

Vor ihm ein verzerrtes Gesicht im Flurspiegel, ein paar kitschige Plastikrosen hinter den Rahmen geklemmt, und er schnappte sich das nächstbeste Ding, donnerte es in das Gesicht, das in tausend Splittern wegbrach. Er knallte die Wohnungstür zu, stürzte die Treppe hinunter, um nur endlich, endlich fort zu sein.

Tret’ ins Pflaster,
hau ab und um die Ecke,
gewinne Land,
geh zum Teufel,
weiter als weg.
Alles verlassen, 
bis auf sich selbst.

Eine Zeitlang trieb er sich herum, bettelte da und dort was zusammen. Doch die Wortfetzen, die er brummend von sich gab, machten den Leuten Angst. Er kannte nicht das Spiel mit den Bitten und dem geheuchelten Blick und wollte es nicht lernen, begriff die Regeln nicht, die hier herrschten. 

Es waren zu viele, die nichts hatten, und zu wenige, die abgeben wollten. Den Verlassenen und den Verzagten trennen die gleichen Dunkelheiten. Niemand hatte auf ihn gewartet. Wenn das Betteln die Liebe ersetzt, der abgewiesene Blick die Tränen, hat verloren, was unterm Strich bleibt.

Der Engel verkündete eine gnadenlose Zeit, die Reise fand nicht statt. Schorsch kam im Nirgendwo an, es hätte auch woanders sein können. Ab und an Arbeit: Kisten schleppen, Dreck schippen, Autos waschen. 
Er war in einer jener Städte, von denen es zu viele gab, aus misslungenen Vorlagen kopiert, ohne Vergangenheit, dann und wann verfallen an eine irre Sehnsucht: gelbe Abgaswolken über ihr, stampfende Industrieanlagen ringsum und Lagerhallen, Tankstellen und Baumärkte, von Neongeflimmer und schreienden Reklamen überdeckt – saubillig, willig, jederzeit. Und bei Tag und Nacht röhrte der Verkehr auf Asphaltschlaufen um Autobahnkreuze und Zubringer. Planquadrate von Verkehrsadern und Kanalisation durchzogen. Kahler Beton am Rand, verrottete Fabriken, Sozialgettos, an denen die Nässe fingerte, der Putz in Fladen abfiel, und Papierfetzen aufgespießt im Geäst der Bäume, als hätte man Tiere geopfert, einem fremden Gott. 

Es war Hochsommer, und er nächtigte auf einem alten Bahnhofsgelände, wo endlose Kolonnen von Güterwaggons, massig wie Geschöpfe der Urzeit, rasselnd über die Gleise rumpelten. Wo, auf dem Boden ausgestreckt, die warme Erde unter ihm zu zittern schien. 

Wir legen uns nieder, halten fein Ruh,
decken den Schmerz mit dem Himmel zu,
Schorf und Grind über der Haut,
das Schweigegeld gibt keiner preis.

Eingehüllt in den Duft alten Maschinenöls und wilder Lupinen lag er da, unter ungezählten Sternen. Die Blumen folgten ihm in die Träume, die über dem Abgrund blühten. Frühmorgens stieg flimmernd die Sonne auf, mächtig und rund, schob den Schummer der Nacht hinweg. Verbeulte Fässer und Gerümpel im Dämmerschlaf. 

Eine Amsel besang das junge Licht. In den abgefahrenen Gleisen, zwischen denen Unkraut wucherte, blitzten Sonnenflecken. Ein satter Erdgeruch und irgendwo dahinter der letzte Hoffnungsstaub.
An den langen Herbsttagen, die nicht enden wollen, hockte er auf der öligen Rampe eines Lagerschuppens und starrte in den Regen hinaus, der in endlosen Schnüren auf das Gelände fiel. Kohlehalden und Lastkräne. Schlammpfützen, verrostetes Zeug und glänzender Schotter. Schwarzes Wasser, aus dem du Vergessen trinkst. Er ging durch die Straßen, eine Bierdose rollte dahin, Dampf stieg aus den Gullys. Seine Hände schaufelten Luft. In jedem Fenster ein warmes Licht, die Häuser schmiegten sich aneinander. Dieser Abend wird ohne Heimat sein. Die Liebe taugt nicht zum Verzeihen. 

Wenn du mich frisst
mit Haut und Haaren, 
schiebe ich blutiges Brot
zwischen deine schwarzen Zähne.

Dann arbeitete er auf dem Bau, hauste mit einem Dutzend Männer aus aller Welt in einem Container. Ihre Sprachen: ein einziges Wirrsal. Am Rande der Stadt zogen sie Wohnblöcke hoch. Silos für Menschentiere, Türme aus Armierungen und Eisenbeton. Ameisen zwischen Kränen und Gerüsten. Baugruben des Glücks, wühlend in der Tiefe, empor zu den Wolken. Der Name im Fundament vergessen. Die Mauerwächter sind längst entschlafen. 

Von der Arbeit wurden seine Hände hart. Dort lernte er, die aus dem Osten und die Türken und Asylanten, all das Geschmeiß, seien daran schuld, dass er keine gescheite Arbeit fände. Der dicke Polier mit der Bierfahne zeigte ihm die großen schwarzen Überschriften in der Zeitung, wo stand, wer in Wahrheit das Geld einstrich, aus dem Vollen schöpfte, wer log und betrog. 
Er lachte, als Schorsch in die Zeitung glotzte, die wusste, wie wenig er zu erhoffen hatte. 

Was die andern haben, fehlt uns doppelt. 
Was wir ersehnen, gilt ihnen nichts.
Was wir morgens bauen, brechen sie am Abend ab.

Nachher scheuchte ihn der Polier zum Betonieren an die Schütte hinüber, wo der flüssige Zement herunterschoss und er nass und wie ein Schwein im Matsch stampfte. Wenn er am Abend zur Baubaracke wankte, mit weichen Knien und verkrampften Händen, den erstarrten Beton auf den Klamotten, lachte der Polier wieder: Er rief, dass man so einem, der aus dem Dreck käme, es auch gleich ansehen müsse. Schorsch stapfte an ihm vorbei, erwiderte nichts, schob alles in den Bauch hinein.

Halte die Faust in der Tasche.
Du kennst das Gesicht im lachenden Hass.
Er ruft dir zu: sei mein Bruder. (...)

Barbara Ter-Nedden (Hrsg.): Träume, fast umsonst, 118 Seiten, 12,80 €, Hardcover, ISBN: 978-3-929386-63-9

Das Buch portofrei bestellen



 
 
 

Liebesverspbrechen
 

Prolog
 


Es gibt Träume, aus denen man nicht mehr erwachen möchte, und es gibt Albträume, deren Ende man herbeisehnt.

Ich habe einen Albtraum gelebt, dessen Bilder mich bis heute verfolgen. Vielleicht werde ich sie niemals vergessen können.

Ich habe mich entschlossen, meine Geschichte aufzuschreiben, weil ich selbst verstehen möchte, warum ich die Trugbilder nicht eher durchschaut habe, warum ich mich von diesem Traum nicht früher losreißen konnte.

Es war der Traum von der großen Liebe. Von einem, der kommt und mich in den Armen hält. Von einem, der mich begehrt, so wie ich bin. Von einem, der zu mir hält, was auch immer passiert.

Wenn du meine Geschichte liest, dann wirst du vielleicht denken, wie kann man nur? Wie kann man nur so blind sein?

Und das frage ich mich heute selbst. Wie konnte ich nur so blind sein?

Aber eines weiß ich. Es war der Traum von der großen Liebe, ein Traum, den wir alle irgendwie träumen, der mich so blind gemacht hat. Und weil zur großen Liebe das große Vertrauen gehört, habe ich vertraut und sogar blind vertraut.

Inzwischen habe ich gelernt, dass ich eines niemals aufgeben darf, nicht einmal für die ganz große Liebe - mich selbst.

Sophie


Gesine Cahenzli: Liebesverspbrechen, 94 Seiten, 10,40 €, ISBN 978-3-929386-60-8

Das Buch portofrei bestellen


 

Elly Ney und Karlrobert Kreiten


 

Vorwort
 


Dieses Hakenkreuz war für die eine das Emblem ihrer Identifikation, für den anderen bedeutete es das Martyrium.

Der aus Bonn stammende Pianist Karlrobert Kreiten wurde am 26. Juni 1916 vor nun fast einhundert Jahren geboren; zu Tode kam er durch die NS-Justiz, die ihn durch Roland Freisler im „Volksgerichtshof“  verurteilte und dem Strang in Berlin-Plötzensee auslieferte. Das war am 7. September 1943, und Karlrobert Kreiten war ganze 27 Jahre alt, die größte Hoffnung für die Pianistenszene in Deutschland, wie sein Lehrer Claudio Arrau bekannte.

Im Jahre 2016 ist es Zeit, sich wieder an Karlrobert Kreiten zu erinnern, der zumindest in Bonn bis ins Jahr 1984 weitgehend vergessen war. In diesem Jahr wurden Ausstellungen und Konzerte in memoriam organisiert, und schließlich gab es auch eine Straßenbenennung mit seinem Namen. 

Wer war dieser Karlrobert Kreiten? Um das herauszufinden, kann man biographische Daten zusammenstellen. Dies ergibt ein persönliches Bild des großen Musikers. Deutlicher wird dieses Bild aber noch, wenn es vor den Hintergrund der Zeitereignisse seiner Lebenszeit gestellt wird. Das Bild gewinnt an Schärfe, wenn es kontrastiert wird durch ein Gegenbild, das sich gewissermaßen aufdrängt: dies ist die Pianistin Elly Ney, ebenfalls Bonnerin. Soviel beide weit über ihren Beruf hinaus an Gemeinsamkeiten hatten, eines aber unterscheidet sie diametral: es stehen sich hier glühende Befürworterin und beklagenswertes Opfer eines Regimes gegenüber, so dass man geradezu von spiegel-bildlichen Biographien sprechen könnte. Verständlich werden diese Biographien aber überhaupt nur ansatzweise, wenn wir sie im Zusammenhang der Zeitläufe sehen, in die beide Personen eingebettet waren. Das  „Dritte Reich“ war kein singuläres geschichtliches Ereignis, sondern hat eine lange Vorgeschichte, die man bis zur Aufklärung des 18. Jh. und der Französischen Revolution von 1789 zurückverfolgen muss. Denn hier, als vor allem von Jean Jacques Rousseau (1712-1778) der Begriff „Gott“ – vor dem (zumindest theoretisch) als Geschöpfe alle Menschen gleich waren - durch den Begriff der „Natur“ bzw. der „Vernunft“ ersetzt wurde, Vernunft und Natur damit aber vergöttlicht wurden, entstand die Spaltung zwischen einer humanistischen Linie, die nach Gemeinsamkeiten sucht („alle Menschen sind von Natur aus im Grundsatz gleich, z.B. vor dem Gesetz“)  und einer chauvinistischen Linie, die die Unterschiede betont („die Menschen sind von Natur aus im Grundsatz verschieden, z.B. genetisch nach Rasse“). In diese letztere Linie z.B. ordnet sich der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) ein. Nach dem Ende des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ versuchte er sich an der Konstruktion einer neuen nationalen Identität der Deutschen. In seinen „Reden an die deutsche Nation“ sprach er von den Deutschen als „Urvolk“. Das Volk ist demnach Ausdruck „göttlich inspirierter Ordnung“ und steht somit über dem Staat, für den alle Staatsbürger gleiche Rechte besitzen. Der bürgerliche Staat ist für ihn nur insoweit Mittel zum Zweck, wie er dem „höheren“ Zweck und Nutzen des kulturell homogenen Volkes dient. Diese Mystifizierung des „Volkes“ hält zwar keiner historisch-kritischen Betrachtung stand, wenn das „Deutsche“ vor allem auf das „Germanische“ reduziert wird, taugte aber als Propaganda für den Kampf gegen den „Erbfeind“ Frankreich. Das Nationale am Deutschen wird folgerichtig hier schon in scharfer Abgrenzung gegen alles „Fremde“ gesehen: „…jene weichliche Führung der Zügel des Staats, die mit ausländischen Worten sich Humanität, Liberalität und Popularität nennt, die aber richtiger in deutscher Sprache Schlaffheit und ein Betragen ohne Würde zu nennen ist.“  Hier ist schon alles vorformuliert, was in der Polemik der Nationalsozialisten gegen demokratische Prinzipien und solche der Menschenrechte wieder erscheint. Der nächste Schritt ist dann der vom kulturell einheitlichen zum rassisch homogenen Volk, in scharfer Abgrenzung gegen andere Völker wie Kulturen.

Diese Spaltung in den Grundüberzeugungen beförderte und befeuerte seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts, verstärkt durch die Kriege Napoleons und die Versuche, das „Deutsche“ militant gegen den „Korsen“ zu setzen, diametral unterschiedliche Gesellschafts- und Zukunftsvorstellungen, deren Auseinandersetzung in dem vom NS-Regime mit Plan begonnenen 2. Weltkrieg eskalierte, die aber auch im 21. Jahrhundert keineswegs überwunden ist. Adorno und Horkheimer haben in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ im Kriegsjahr 1944 im amerikanischen Exil zuerst darauf hingewiesen, dass Aufklärung kein unumkehrbarer Prozess ist, dass sie im Gegenteil in sich die Tendenz zur Selbstzerstörung trägt, dass sie in Mythologie zurückschlagen kann. „Wir hegen keinen Zweifel …daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalten, der heute überall sich ereignet. Nimmt Aufklärung die Reflexion auf jenes rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.“ Ein entscheidendes Moment darf dabei nicht übersehen werden: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“  Auch das Schlimmste, was Menschen angetan werden kann, kann eine rationale Begründung erhalten. So war denn für Hitler die Vernichtung der europäischen Juden nichts Willkürliches, sondern konnte, im Sinne des Erhalts von Rasse und Nation, als naturnotwendig und vernünftig deklariert werden.

In diesen Zusammenhängen stehen auch die Schicksale unserer beiden Hauptfiguren. Es kann folglich nicht genügen, sich gegen das „Böse“ zu empören, wenn nicht klar wird, woher es kommt und wie es wirkt. (...)

Hans Hinterkeuser: Elly Ney und Karlrobert Kreiten – Zwei Musiker unterm Hakenkreuz
204 Seiten, mit zahlreichen Fotografien und Dokumenten, Preis: 13,80 €, ISBN: 978-3-929386-53-0
 

Das Buch portofrei bestellen






Diplomat in Uniform


 

Deutsch–Deutsche Beziehungen in Algier – Fluchthilfe durch die Sahara
 


Seit 1848 galt Algerien für die Franzosen als ein Teil Frankreichs. 1962 endete ein acht Jahre währender blutiger, erbarmungsloser Kampf zwischen der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN mit ihren bewaffneten Kräften, der Armée de Liberation Nationale (ALN), und den französischen Streitkräften sowie Algeriern untereinander. Am 05. Juli 1962 wurde die Demokratische Volksrepublik Algerien ausgerufen. Die Mehrzahl der französischen Siedler (Pieds Noirs) floh nach Frankreich. Seit 1965 verfolgte Oberst Houari Boumedienne als Staatspräsident eine rigorose Sozialisierungspolitik. Zugleich öffnete er das Land dem Ostblock gegenüber, um die noch vorhandene wirtschaftliche Abhängigkeit Algeriens von Frankreich abzumildern. Mit mehreren Ländern des Ostblocks begann er Großprojekte der Industrie wie Stahl– und Walzwerke oder Raffinerien zu planen und zu verwirklichen. Dank der Hallstein-Doktrin (die Aufnahme diplomatischer Beziehungen von Drittstaaten zur DDR galt für die Bundesregierung in Bonn als ein unfreundlicher Akt) zögerte die algerische Regierung bis zum Dezember 1970, normale diplomatische Beziehungen zu Ostberlin einzurichten. Dann schloss sie eine Reihe von Abkommen zur Entwicklung des Landes, der Hochschulen und der Industrie mit der DDR ab; der Staatssicherheitsdienst unterstützte den Aufbau der Sécurité Militaire durch Personal und Ausrüstung.

Eine große Zahl deutscher Bürger aus der DDR arbeitete über das Land verstreut in Algerien; sie war zum Teil sogar kaserniert. Dem Vernehmen nach durften die DDR–Bürger nur an dem muslimischen Wochenende (Freitag) ihre Unterkünfte gemeinsam verlassen. Ich rieb mir verwundert die Augen, als bei einem unserer ersten Strandbesuche am Wochenende im November 1980 drei Busse oberhalb des Strandes parkten, zahlreiche Familien mit Kindern an das Meer eilten oder sich am Strand mit Picknickkoffern niederließen – wir hörten aus der Ferne deutsche Sprachfetzen. Nach genau zwei Stunden trillerten Signalpfeifen, die Besucher stiegen eiligen Schrittes wieder in die Busse ein. Im Laufe der Zeit versuchten wir bei den erneuten Begegnungen erste Kontakte zu knüpfen. Die Angesprochenen wandten sich jedoch stets ab, sie liefen an das Wasser oder packten ihre Sachen zusammen. Ein Kontakt zu uns „westlichen“ Deutschen schien ihnen verboten zu sein.

Unsere Botschaft und das Konsulat blieben bis auf einen Bereitschaftsdienst am Freitag stets geschlossen. Wir konnten nicht ahnen, welche dramatischen Ereignisse uns an einigen Wochenenden in den Jahren 1981 und 1982 bevorstanden. An einem Freitag meldete sich ein DDR–Bürger bei dem Bereitschaftsdienst in der Botschaft mit der Bitte um einen Pass der Bundesrepublik. Er erhielt ihn auf Weisung des Botschafters am folgenden Tag überreicht. Für eine Ausreise nach Deutschland benötigte der DDR–Bürger jedoch einen algerischen „Einreise–Stempel“. Hoffnungsfroh eilte ein Konsularbeamter mit dem DDR–Bürger zu dem entsprechenden Referat im algerischen Innenministerium. Das Gespräch endete als ein Fiasko. Der DDR–Bürger wurde für kurze Zeit verhaftet, letztlich dann aber doch nach Westdeutschland abgeschoben, während der Konsularbeamter als Persona non grata eingestuft wurde und umgehend nach Bonn ausreisen musste. Dort wurde der Diplomat dann mit der von ihm gewünschten Verwendung in einem wichtigen asiatischen Land „belohnt“.

Kurze Zeit danach erhielt Botschafter Gerd Berendonck den Hinweis aus dem algerischen Außenministerium, er möge die algerische Regierung aus diesen „Querelles Allemandes“ (deutschen Streitereien) heraushalten. Berendonck sah dies als einen Freibrief an, zukünftig eigene Initiativen zu ergreifen, um notfalls DDR–Bürgern auf dem Weg in die Bundesrepublik zu helfen. Das Auswärtige Amt gab ihm hierzu grünes Licht und wies ihm auch ein kleines Budget an, mit der Auflage, dass keinerlei Aktionen bekannt werden dürften, die die offiziellen Beziehungen zu Algerien stören könnten. Die einzelnen „ Ausreisen“ durften direkt zwischen den betroffenen Botschaften in Algier und in Tunis abgesprochen werden.

In unregelmäßigen Abständen meldeten sich innerhalb weniger Monate, stets am Freitag, wiederholt DDR-Bürger, denen es gelungen war, aus ihren Lagern oder Baustellen im Landesinneren unsere Botschaft zu erreichen. Glücklicherweise standen 2 Zimmer in dem Botschaftsgebäude zur Verfügung, in denen die Flüchtlinge für einige Tage verweilen konnten. Das Ausstellen der Pässe erfolgte in der Botschaft zügig, doch dann blieb die Frage ungelöst, wie diese Menschen aus Algerien gelangen, ohne die neuen Pässe an dem Grenzübergang vorzuzeigen – eine offizielle Ausreise mit dem Schiff oder dem Flugzeug schied aus. Es bot sich also nur eine Ausreise auf dem Landweg über Tunesien oder Marokko an. Die algerisch– marokkanische Grenze überwachten marokkanische Grenzsoldaten scharf, um einen möglichen Waffenschmuggel für die Befreiungsbewegung Polisario zu verhindern. Hingegen waren die algerisch-tunesischen Beziehungen unbelastet. Von unseren kurzen Urlaubsreisen zu dem Nachbarn im Osten wussten wir, dass die Kontrollen sich auf die Grenzübergänge beschränkten, und die weitgehend geradlinig verlaufende Grenze durch die Wüste unbewacht war.

Nur ein kleiner Kreis der Mitarbeiter an der Botschaft wusste um die „Gäste“ in den Zimmern unter dem Dach. Aus diesem kleinen Kreis bat der Botschafter Mitarbeiter, zunächst einmal die möglichen Grenzübertritte zu erkunden. Die Flüchtlinge sollten möglichst nahe an die mehr als 500 km entfernte Grenze zu Tunesien mit einem Auto gefahren werden, um dann nachts zu Fuß auf die andere Seite zu wechseln. Dort erwarteten sie dann Mitarbeiter unserer Botschaft aus Tunis in dem nächstgelegenen Dorf. Für die Ausreise aus Tunesien genügte der neue Pass ohne einen tunesischen Einreisestempel.

Die Erkundungen, die der Botschafter, andere Mitarbeiter und wir durchführten, tarnten wir als Ausflüge mit unseren Familien; wir verfügten über keine Straßenkarten außer der Michelin–Straßenkarte Nr.153 (Afrika Nord und West) im Maßstab 1:4 Millionen. Sie nutzte uns für die Vorhaben wenig. Wir fertigten deshalb Skizzen an, die den Familien dann helfen sollten, die grobe Richtung gen Osten einzuhalten.

Die Hilfsaktionen trugen eine hohe politische Brisanz in sich. Wir halfen ja unseren Mitbürgern aus der DDR, Algerien auf einem nicht gesetzlichen Weg zu verlassen. Um die Brisanz etwas zu verringern, suchte Botschafter Berendonck Mitarbeiter, die sich freiwillig bereit erklärten, den Transport der Flüchtlinge bis zu der tunesischen Grenze in ihrem eigenen Fahrzeug zu übernehmen. Die Kollegen durften nicht auf der Diplomatenliste des algerischen Außenministeriums stehen. Die Liste enthielt nur die Namen der Angehörigen des „höheren“ Dienstes an der Botschaft. Ich war tief beeindruckt, wie die Mitarbeiter immer wieder das Risiko bedingungslos eingingen.

Die geflüchteten Personen bestiegen in der Garage der Botschaft das Auto und versteckten sich unter Decken. Schnell fuhr der Mitarbeiter dann in Richtung Osten, um nach 5 – 6 Stunden Fahrt an dem erkundeten Punkt grenznah zu halten. Die Flüchtlinge gelangten, bis auf zwei Ausnahmen, immer glücklich auf die tunesische Seite. Der Weg in die Bundesrepublik war dann für sie frei.

Einmal verlor eine Familie mit drei Kindern die Richtung und lief in der Dunkelheit im Kreis. Sie gelangten nach anderthalb Stunden wieder an den Ausgangspunkt, wo der Fahrer der Botschaft sich noch von der Hinfahrt schlafend erholte. Ihr zweiter Versuch endete dann glücklich nahe einem tunesischen Dorf.

Eine der seltenen algerischen Grenzstreifen traf kurz darauf auf eine andere Familie mit 2 Kindern. Sie nahmen sie zu ihrer Grenzstation mit. Den Kindern und der Frau boten die Soldaten Tee und Wasser an, während sie den Mann vernahmen. Nach etlichen Telefonaten hießen sie die Familie, in den Streifenwagen wieder einzusteigen. Sie fuhren bis zu dem Punkt, an dem sie die Familie Stunden zuvor festgesetzt hatten. Vor dem herzlichen Abschied zeigten die Soldaten die ungefähre Richtung, die die Familie einschlagen sollte, um jetzt über die Grenze zu kommen. Im Morgengrauen konnten unsere Kollegen aus Tunis die erschöpfte Familie dann zufrieden empfangen. Dieser Fall zeigte uns den festen Willen der algerischen Regierung, sich nicht aktiv in diese „innerdeutschen“ Aktivitäten einzumischen.

Ganz und gar keine Freude bereitete die zunehmende Zahl der Flüchtlinge natürlich den Offizieren des ostdeutschen Staatssicherheitsdienstes, die für die Überwachung auf den Baustellen zuständig waren. Schon bald nach der Ankunft einer Familie in unserer Botschaft stellten wir in kurzer Entfernung von dem Botschaftsgebäude ein Fahrzeug fest, das mit seinem Fahrer das ganze Wochenende über dort parkte – eine Kamera lag aufnahmebereit auf dem Schoß des Fahrers. Ich versuchte, den Fahrer anzusprechen – vergeblich. Er gab sich schlafend und verschwand am Samstag.

Am Freitag, den 03. Dezember 1982, meldete sich morgens ein Diplomingenieur mit seiner dreiköpfigen Familie – er leitete eine Großbaustelle. Wenige Stunden später parkten 2 Fahrzeuge mit etwa 100 m Abstand vor der Botschaft. Die Abstimmung mit der Botschaft in Tunis nahm länger als üblich Zeit in Anspruch. Wir konnten deshalb die nun schon zur Routine gewordenen Hilfsmaßnahmen erst nach 3 Tagen beginnen. (...)

Klaus Geerdts: Diplomat in Uniform - Autobiografische Randnotizen
197 Seiten, mit zahlreichen Fotografien des Autors, Hardcover, 13,80 €, ISBN 978-3-929386-57-8

Das Buch portofrei bestellen



 
 
 
 


noch mehr Leseproben gibt es hier...


Start